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Exilarchitekten und spätkoloniale Urbanisten als Protagonisten der vernakulären Architekturforschung im Wandel des eigenen Rollenverständnisses zwischen 1910 und 1960

06.10.2017

Im Rahmen dieser Magisterarbeit wird der Architektenberuf kritisch im Kontext von Adolf Loos‘ These des „entwurzelten Architekten“ überprüft. Loos, der zu den bekanntesten Architekturkritikern seiner Zeit zählt und als Vorreiter der Moderne gilt, war davon überzeugt, dass der Architekt „wie fast jeder stadtbewohner keine kultur [besitze]. Ihm fehlt die sicherheit des bauern, der kultur besitzt. Der stadtbewohner ist ein entwurzelter.“ Seine kritische Haltung im Hinblick auf den Architektenberuf wird in meiner Arbeit anhand jener Architekten untersucht, die einerseits als Exilanten neue berufliche Perspektiven einnehmen mussten und andererseits als spätkoloniale Urbanisten, kulturell integrative Lösungen für Massenwohnungsbauten in Kolonialgebieten suchten. Prekäre wirtschaftliche Bedingungen und der zweite Weltkrieg zwangen Architekten wie Ernst May und Bruno Taut in Exilländer (Sowjetunion, Tansania, Japan und Türkei) zu fliehen. Im Gegensatz zu den ehemaligen Bauhausmitgliedern, die vordergründig in die USA emigrierten, mussten sich May und Taut stets mit neuen kulturellen, klimatischen und materiellen Herausforderungen auseinandersetzen, was sie jedoch dazu anregte ihre Architektenidentität neu zu definieren. Auch förderten zahlreiche Diskussionen auf architekturtheoretischer Ebene im Rahmen der CIAM-Kongresse zwischen 1928-1959 Meinungsverschiedenheiten unter den Mitgliedern, wobei die jungen spätkolonialen Urbanisten möglichst integrative Wohnlösungen suchten und sich vom starren urbanen Konzept der Funktionstrennung, nach Le Corbusier, abgrenzten. Auch diese Abspaltung zeigt den deutlichen und dynamischen Wandel des Rollenverständnisses des Architektenberufes auf. In diesem Zusammenhang dient der Umgang mit der vernakulären Architektur, d.h. die Auseinandersetzung mit lokalen Bautraditionen und den jeweiligen Bewohnern, als wichtiger Indikator für den Rollenwandel des Architekten. Dementsprechend fließen verschiedene Perspektivebenen in eine gesamtheitliche Untersuchung und zukünftigen Prognose des Architektenberufes ein.

Betreuer: Prof. Dr. Carsten Ruhl

Neue Formen der Organisation und Identitätsbildung von Architekten am Beispiel der Gruppe Forensic Architecture

29.09.2017

Die interdisziplinäre Forschungsgruppe Forensic Architecture, welche am Goldsmiths, University of London angesiedelt ist und aus Architekten, Wissenschaftlern und Künstlern besteht, wurde 2011 durch den Architekten Eyal Weizman gegründet. Seitdem untersucht die Gruppe Themen wie zum Beispiel Menschenrechtsverletzungen, Flucht oder die Umwelt- oder Finanzkrise und operiert dabei mit unkonventionellen Arbeitsweisen um zur Aufklärung der Fälle beizutragen.

Das von Annette Wieviorka konstatierte „Zeitalter des Zeugen“ in der Rechtswissenschaft erlebte laut Weizman einen weiteren turn, hin zum forensischen Zeitalter, zur forensischen Ästhetik. Dieser Paradigmenwechsel lässt sich am deutlichsten an der Verschiebung vom Subjekt hin zum Objekt ablesen. Durch das neue Augenmerk auf Materie, Materialität und Objekte wird auch Architektur zum Beweisträger, wie es in der epistemologisch geprägten Arbeit von Forensic Architecture an der Schnittstelle zwischen Architektur, Kriminalistik und Archäologie zum Ausdruck kommt. Forensis verweist auf den Wortstamm forum, und somit auf die Praxis vor einer professionellen, juristischen oder politischen Gruppe eine Argumentation zu präsentieren. Die Forensik ist demnach ein Teil der Rhetorik und kann als Kunst der Überzeugungsarbeit angesehen werden. Zwei dieser Foren, in welchen sich die internationale Forschungsgruppe bewegt, sind der Gerichtssaal und der Ausstellungsraum.

In meiner Masterarbeit möchte ich zum einen das Werk von Forensic Architecture untersuchen und in einem zweiten Schritt der Frage nachgehen, welche Aussagen man anhand der neuen Praxis von Forensic Architecture über das Selbstverständnis von Architekten treffen kann.

Betreuer: Prof. Dr. Carsten Ruhl